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Kleine LiteraturEN und ÄsthetikEN

Ebenso wenig wie es die eineRoma-Kultur gibt, gibt es auch weder die eineRoma-Literatur noch, so die Hypothese der Forschergruppe, die eineRoma-Ästhetik. Die grundsätzlich vorliegende ethnische Diversität und Heterogenität wird durch die Fokussierung auf die Romania mit ihrer Vielzahl von Sprachen und literarischen und filmischen Traditionen noch verstärkt. Grundlegend wird davon ausgegangen, dass Klassifikationen und Kategorisierungen Hilfestellungen darstellen, die jedoch nicht als fixe und statische Kategorien zu verstehen sind (Containermodell), sondern als per setransgressive, dynamische und in Bewegung befindliche Konzepte. Mit Blick auf literarische Produktion der diasporisch lebenden Roma kann das Konzept der ,kleinen Literatur‘ (Deleuze/Guattari 1976) fruchtbar gemacht werden: Es handelt sich um Literaturen, die die Sprache der Mehrheit nutzen, ohne jedoch mit dieser identisch zu sein oder sich mit dieser identisch zu fühlen. Insofern befinden sie sich im Zwischenraum (In Between Third Space) von Teilhabe / Integration / Assimiliation und Differen / Othering / Abgrenzung. 

Aufgrund der Diversität und Heterogenität kann von einer Vielzahl von kleinen (Roma-)Literaturen ausgegangen werden. Die Besonderheit der kleinen (Roma-)Literaturen liegt in ihrer Rhizomstruktur (Deleuze/Guattari 1977). Trotz der Eigenheiten der unterschiedlichen kleinen (Roma-)Literaturen weisen diese gemeinsame Merkmale und Charakteristika auf, durch die sie ein transnationales/-kulturelles Netzwerk innerhalb der Weltliteratur (littérature monde) bilden. Die Forschergruppe teilt die Überzeugung, dass die verbindenden Eigenarten der kleinen (Roma-)Literaturen im Sinne Wittgensteins als ,Familienähnlichkeiten‘ zu verstehen sind, als Tendenzen und Merkmale, die sich auf ästhetischer Ebene nachweisen lassen und als verbindende ,Handschrift‘ von Roma-Literaturen betrachtet werden können, die trotz aller Individualitäten und Spezifitäten allen Werken von Roma-Autoren gemein sein.