zum Inhalt springen

 

Das politische Wirken und literarische Schaffen des französischen Rom Matéo Maximoff

Dissertationsprojekt von Karima Renes

Matéo Maximoff (1917–1999) war ein Protagonist des ab Mitte des 20. Jahrhunderts in Reaktion auf die Traumata des Porrajmos (Romani-Begriff für den Holocaust, wörtlich „das Verschlingen“) einsetzenden Writing Back [1] von Roma, die sich damit bewusst aus Paradigmen mündlicher Traditionen lösten.

Das in politischen und wissenschaftlichen Kontexten international oft verwendete heteronyme Begriffskonstrukt "Roma" bezeichnet kulturell z.T. sehr heterogene Diasporen aus Nachfahren verschiedener nomadischer Gruppen, die zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert in mehreren Wanderungsbewegungen Nordindien verlassen haben. Es ist nicht gleichzusetzen mit der Selbstbezeichnung "Sinti und Roma".

Erste Belege der Wahrnehmung von Roma in europäischen Dominanzkulturen stammen aus dem 11.–13. Jahrhundert (Berg Athos, Kreta, Korfu), ab dem 14. Jahrhundert  erwähnen Urkunden und Stadtchroniken ihr Auftauchen in Serbien (1384), der Walachei (1385) und Böhmen (1399), Hildesheim (1407), Brüssel (1420), Paris (1427), Barcelona (1447 und Vilnius (1501);  in der Regel begegnete ihnen europäisch-mittelalterliche Xenophobie,  immer wieder waren Roma in der europäischen Geschichte schweren Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt waren – Rechtlosigkeit, Versklavung Handelsverbote, Verbannung, Folter, Prügelstrafen, Deportationen, Zwangsarbeit, Hinrichtung, Völkermord.[2]

Literarisch waren Roma als Bohémiens / Gitans / Zigeuner Jahrhunderte lang Gegenstand exotisierender paternalistischer Darstellungen, die meist wenig mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hatten und beflügelten ab dem 17. Jahrhundert als stereotypes Sinnbild des Fremden, Zivilisationsfeindlichen einerseits und der subversiven Verlockung vermeintlicher sittlicher Freiheit andererseits zwischen Tremendum und Faszinosum den orientalistischen und exotistischen Geist europäischer Autoren.

Doch nicht nur Chronisten und Literaten behafteten Roma konsequent mit Attributen des Fremden/Gefährlichen/Bösen, auch in enzyklopädischen und journalistischen Texten wurden unüberprüfte Darstellungen mannigfach wiederholt. Die verschriftete Kriminalisierung und Stigmatisierung - etwa in der 'Zigeunerwissenschaft' Heinrich Moritz Grellmanns (1783) begründete nicht selten drakonische politische Maßnahmen.

Ihrerseits einer Tradition oraler Überlieferung verwurzelt, die durch die schlechten kollektiven Erfahrungen mit hegemonialer Schriftlichkeit bestärkt wurde, hinterließen Roma in den ersten 600 Jahren ihrer Präsenz in Europa keine literarischen Autorepräsentationen.

Im zunehmend nationalstaatlich und nationalistisch kartographierten Europa, in dem Fahrende als Bedrohung von Identitäten, die sich immer stärker über territoriale Zugehörigkeit und Einheit definierten, wahrgenommen wurden, hatte die fragile Tradition der mündlichen Überlieferung und die damit einhergehende Exklusion von schriftlichen Diskursen fatale Folgen für die Repräsentation von Roma im kollektiven europäischen Gedächtnis. Zum einen konnten sich dämonisierende Stereotype in Literatur, Kunst, Wissenschaft und Politik unwidersprochen verfestigen, zum anderen wurde die Kette mündlicher Überlieferung des kulturellen Gedächtnisses von Roma mangels Chroniken, Archiven und literarischen Zeugnissen durch den Porrajmos unwiderruflich zerrissen.

Indem sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert vermehrt der schriftlichen Tradierung und Narration zuwenden  füllen Roma-Autor*innen wie Matéo Maximoff die große Lücke zwischen der Inszenierten Alterität[3] der Bohemiens-Repräsentationen in der abendländischen Schriftkultur und dem kommunikativen Gedächtnis ihrer Gemeinschaften aus, um das kulturelle Gedächtnis[4] Europas zu vervollständigen.

Matéo Maximoff war 1943–45 in den französischen Lagern Gurs und Lannmezan interniert. Als Konsequenz aus den kollektiv und individuell traumatischen Erfahrungen von 1939 bis 1945, nach dem Krieg mit den erschütternden Berichten KZ-Überlebender konfrontiert, verfasste Maximoff im April 1946 für das Journal of the Gypsy Lore Society einen wütenden Artikel von historischer Bedeutung: „Germany and the Gypsies. From the Gypsy's point of view“[5]. Zum ersten Mal in der Geschichte ergriff ein Rom öffentlich und schriftlich das Wort, um an Roma verübte Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu benennen, die Täter anzuklagen und Historische Gerechtigkeit[6] und Schutz der Menschenrechte der Roma einzufordern. Diese Postulate flossen ab 1952 in die Entstehung der Bürgerrechtsbewegung der Roma in Frankreich, später der Internationalen Roma Union (IRU), ein, die Matéo Maximoff maßgeblich mit beeinflusst hat.

Maximoffs erster Roman Les Ursitory,  den er 1938 während einer Inhaftierung verfasst hatte, wurde 1946 vom renommierten Pariser Verlagshaus Flammarion publiziert. Bis 1991 verfasste er acht weitere Romane, seine Autobiographie, einen Erzählband sowie zahlreiche Artikel für das Journal of the Gypsy Lore Society und die 1956 in Paris von ihm mitbegründete Zeitschrift Études Tsiganes, in denen er über Kultur und Traditionen europäischer Roma informierte und sich in politische Diskurse einmischte.

Matéo Maximoff hat begonnen die counterstories[7] seiner Vorfahren zu erzählen und schriftlich zu fixieren. Obwohl er dabei eindrucksvoll Zeugnis von den Schönheiten, dem kulturellen Reichtum und den Ambivalenzen seiner Community ablegt, so sind zentrale Topoi seiner Romane Erfahrungen der Ausgrenzung, Versklavung, Vertreibung und Verfolgung – sowohl autobiografisch und aus seinem direkten Umfeld inspiriert als auch im generationenübergreifenden Rückgriff auf ein kommunikatives Gedächtnis, das Maximoff mündlich durch seine Verwandten überliefert wurde und ins 19. Jahrhundert in Russland und Rumänien zurückreicht. 

In eine narrativ spürbare Tradition oraler Überlieferung hineingeboren hat der Autor sich die französische Schriftsprache angeeignet, durch seine künstlerische Übersetzungsleistung eine hochinteressante Momentaufnahme eines Übergangs von oraler hin zu schriftlicher Tradierung, von ritueller zu textueller Kohärenz hinterlassen und darüber hinaus neue Pfade der kulturkritischen Selbstreflektion hinterlassen.

In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Karima Renes zunächst anhand eines aus sechs Romanen bestehenden Textkorpus den ästhetischen Ausdruck intergenerationellen Gedächtnisses. Wie werden oral tradierte Mythen, Alttags- und kollektiv-historischen Erfahrungen verschriftlicht? Welches sind wiederkehrende Figuren und Narrative, anhand derer Identitäten, die sich in permanenter Mobilität zwischen Sprachen, Kulturen und Territorien befinden, ausgehandelt werden? Wie sind die Grenzen zwischen Biografie und Fiktion ausgestaltet? Wie ist das Verhältnis Minderheit/Mehrheit narrativ ausgestaltet? In welchem Verhältnis steht Matéo Maximoffs Autorepräsentation zu den literarischen Fremdbildern der Bohémiens-Romantik des 19. Jahrhunderts? Welche politischen und sozialen Postulate kommen in Maximoffs Romanen zum Tragen?

Im zweiten Teil der Arbeit werden in den Werken Maximoffs beschriebene historische und soziale Bedingungen und Phänomene als Tertium Comparationis eines Vergleichs mit epochalen Werken der Weltliteratur herangezogen. Dieser literatursoziologisch komparatistische Ansatz ist eine bewusste Abgrenzung von in der Literaturwissenschaft immer noch weit verbreiteten ethnisierenden Lesarten sogenannter Minority Literatures.

 

Verwendung der Fotografien mit freundlicher Genehmigung von Nouka Maximoff


[1] Bill Ashcroft e.a. (2002): The Empire Writes Back. Theory and Practice in Post-Colonial Literatures.

[2] Vgl. Bogdal, Klaus (2011): Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung.

[3] Kirsten von Hagen (2009):  Inszenierte Alterität.

[4] Jan Assman (1992): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 

[5] https://www.romarchive.eu/de/collection/die-bestrafung-der-moerder-von-500000-sinti-and-roma/

[6] Lukas Meyer (2005): Historische Gerechtigkeit.

[7] Richard Delgado (2000): Storytelling for oppositionists and others: A plea for narrative. In: R. Delgado & J. Stefancic (Eds.), Critical race theory: The cutting edge (pp. 60–70)

 

zum Seitenanfang